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50 Jahre deutsch-französische Freundschaft

Morsbacher waren 1963 die ersten „Boten des Friedens“

Zeitzeuge Armin Steckelbach hat die Anfänge der Partnerschaft wesentlich mit gestaltet.
Foto: C. Buchen
Morsbach - Vor 50 Jahren, am 22. Januar 1963, wurde im Pariser Élysée-Palast der deutsch-französische Freundschaftsvertrag unterzeichnet. Morsbach war die erste Oberbergische Gemeinde, die im gleichen Jahr noch freundschaftliche Bande mit einer Gemeinde in Frankreich knüpfte.

„Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag, von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle im Januar 1963 unterschrieben, war Höhepunkt der Versöhnung. Er zog einen endgültigen Schlussstrich unter die Missverständnisse, Streitigkeiten und Kriege der letzten Jahrhunderte“, schreibt Reinhard Solbach, einer der Initiatoren, auf Morsbacher Seite der Partnerschaft mit Frankreich in der Heimatchronik.
In der Gemeinde Morsbach wurde schon sehr früh Pionierarbeit in Sachen Verständigung mit Frankreich geleistet. „Den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag setzte man in Morsbach bald in die Tat um“, fährt Reinhard Solbach in der Chronik fort und beschreibt die ersten freundschaftlichen Beziehungen der Oberbergischen Gemeinde mit einer französischen Gemeinde an der Loire noch im Jahr der Élysée-Vertrags-Unterzeichnung.

Ein Zeitzeuge berichtet

Anlässlich des Jubiläums zum 50. Jahrestag der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags erinnert sich Armin Steckelbach aus Morsbach an die Entwicklung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Morsbachern und Franzosen, die genauso lang bestehen und die er in den Anfängen miterlebt und wesentlich mit gestaltet hat. Nachfolgend seine Aufzeichnungen als Zeitzeuge.

In den Monaten August und September 1959 hielt ich mich zu Studienzwecken in Tours auf. Als ich in der Stadtbibliothek an der Vorbereitung eines Referats über den französischen Roman „Les Oberlé“ saß, sprach mich ein älterer Herr an, der mir über die Schulter geschaut hatte: „Junger Mann, warum befassen Sie sich mit diesem Thema, das die Leiden einer elsässischen Familie unter der Besatzung durch die Deutschen in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts schildert und das doch nur alte Wunden der deutsch-französischen Geschichte aufreißt?“ Als ich erwiderte, das Thema sei mir von meinem Professor in Bonn gestellt worden, fuhr er, sich immer mehr ereifernd, fort: “Das ist doch dumm, Sie sollten in die Zukunft schauen und etwas für den Frieden tun, besonders für den Frieden zwischen unseren beiden Völkern.“

Wir diskutierten noch lange und endlich lud er mich zu sich nach Hause ein und gab mir sein Visitenkärtchen: Dr. Jean Janelle, Sainte-Radegonde. Das ist ein Vorort von Tours. Ich fuhr am nächsten Tag mit dem Fahrrad dorthin. Herr Janelle war ein Jurist im Ruhestand und wohnte in einer schönen Villa am Nordufer der Loire. Er war Mitglied der Bewegung „Pax Christi“ und meinte, unter dem Zeichen des christlichen Friedens könnten wir eine Begegnung zwischen unseren Pfarrgemeinden und später unseren Wohnorten organisieren. Er gab mir noch eine Tasche voll Flaschen mit gutem Loirewein mit, um mich so für seine Idee zu gewinnen.

Zu Hause angekommen, habe ich das Referat nicht zu Ende geschrieben und stattdessen einen regen Briefwechsel mit Herrn Janelle geführt. Auch unserem damaligen Morsbacher Pfarrer Walter Helmke habe ich davon erzählt, und er war sofort Feuer und Flamme. Die Überlegungen und die Überzeugungsarbeit dehnte sich weiter aus, und das Thema „Frankreich“ und „Sainte-Radegonde“ riss nicht ab, bis sich im Juni 1962 Herr Janelle für einen Besuch in Morsbach ankündigte. Er wohnte natürlich bei meinen Eltern, und obwohl mein Vater seit seiner Soldatenzeit in Frankreich keine rechte Sympathie für die ehemaligen „Feinde“ hatte, räumte er doch sein Schlafzimmer für das Ehepaar Janelle.

Während seines Besuchs im Pfarrhaus gewann Herr Janelle Pfarrer Helmke bei einem Gläschen Pündericher Riesling schnell für die Idee, mit dem Morsbacher Kirchenchor einen Besuch in Sainte-Radegonde zu organisieren. Auch der damalige Chorleiter Arnold Hellmann wäre gerne noch einmal in das schöne Frankreich gefahren, wo er einen Teil seiner Soldatenzeit verlebt hatte.

Im August desselben Jahres fuhr dann Pfarrer Helmke mit mir und meinem Freund Bernd Theile-Ochel in die Normandie und an die Loire, um den dortigen Pfarrer kennenzulernen und einen Besuch des Kirchenchores vorzubereiten. Die Organisation und die Werbung wurden großzügig vom Volksbildungswerk und der Zivilgemeinde unterstützt. Am 26. August 1963 war es dann soweit: Etwa 90 Morsbacher, darunter zahlreiche Jugendliche, reisten in zwei Bussen über Reims, Paris, Versailles und Chartres nach Sainte-Radegonde. Dort stießen am folgenden Tag auch Bürgermeister Andreas Ley und Gemeindedirektor Hans Stentenbach aus Morsbach dazu.

Der Empfang war gemischt: neben sehr herzlichen Begegnungen gab es auch Vorbehalte in der Bevölkerung, die wir aber nicht bemerkten. Wir verlebten ereignisreiche Tage mit vielen Besichtigungen und sehr freundlicher Aufnahme in den Familien. Damals und bei den folgenden Begegnungen entstanden Freundschaften, die zum Teil heute noch bestehen. Ein Höhepunkt und ein unvergessliches Erlebnis war ein Chorkonzert, das der Morsbacher Kirchenchor in der Kathedrale von Tour gab, die trotz ihrer Größe gut besetzt war. Der Applaus war überwältigend.


Besuch aus Frankreich Mitte der 1960er Jahre: Herzliche Begrüßung der Bürger aus Sainte-Radegonde auf dem Morsbacher Rathausplatz durch Armin Steckelbach, Gemeindedirektor Hans Stentenbach, Pfarrer Walter Helmke und Bürgermeister Andreas Ley (v.l.n.r., links an der Bordsteinkante). Repro: C. Buchen
Beim Abschied gab es natürlich Tränen, aber man versprach, sich im nächsten Jahr in Morsbach wiederzusehen. Und so kam es auch. Im folgenden Jahr konnten wir etwa 50 Franzosen in Morsbach begrüßen, darunter viele frisch gewonnene Freunde, und es wiederholte sich in dem Rhythmus, bis mit der Verbindung mit Milly-la-Forêt 1970 eine offizielle Städtepartnerschaft durch die Zivilgemeinde entstehen konnte.

Ein schwerer Schlag für die Freundschaft mit Sainte-Radegonde war der Unfalltod des Organinators und Chorleiters der französischen Gemeinde, des Majors Lagrange, im Oktober 1964. Auch die Eingemeindung von Sainte-Radegonde in die Großstadt Tours bedeutete damals das Aus für eine offizielle Partnerschaft. Heute führt eine Autobahnbrücke über den malerischen Ort.

Den Sinn dieser Fahrt hatte Pfarrer Helmke in seinem Schreiben an alle Fahrtteilnehmer formuliert: „Als Ziel steht über unserer Fahrt `Pax Christi`, die Pflege christlicher Brüderlichkeit, in der wir das unselige Erbe vergangener Zeit überwinden wollen. Die ehrliche und herzliche Einladung geht von Sainte-Radegonde aus und wir folgen dieser Einladung als Boten des Friedens. Es ist wohl klar, dass wir aus dieser Gesinnung heraus auch untereinander in fröhlicher und rücksichtsvoller Gemeinsamkeit diese Reise unternehmen. Auf der Fahrt werden wir Land und Leute in Frankreich kennenlernen, Zeugen großer Vergangenheit - Kathedralen und Schlösser - erleben, aber auch sehen, dass unsere Nachbarn tüchtig und fleißig die Gegenwart bewältigen.“


Soweit die Ausführungen des Zeitzeugen Armin Steckelbach zu ersten freundschaftlichen Beziehungen mit Frankreich vor 50 Jahren.

Seit 1970 unterhält die Gemeinde Morsbach eine Partnerschaft mit dem französischen Kanton Milly-la-Forêt, ca. 60 km südlich von Paris. Wer sich näher über diese Partnerschaft informieren möchte, kann sich an den Partnerschaftsverein Morsbach - Milly-la-Forêt, Vorsitzende ist Hanne Gräser, Tel. 02294/6273 wenden. (red.-26.02.2013 11:07)




 


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